Du betrachtest gerade Glauben, Unglauben, Zweifel, Vertrauen

Glauben, Unglauben, Zweifel, Vertrauen

«Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!» (Markus 9,24)

Auf dem sbt-Campus bringen uns weniger die grossen Fragen der Dogmatik ins Schwitzen als der ganz normale Alltag. Die Studierenden kämpfen mit Prüfungsstress, Zukunftsfragen und manchmal mit Lasten, die schwer auf der Seele liegen. Die Mitarbeitenden jonglieren mit Planungen, die komplexer sind als die Chronologie der Könige Israels, und mit To-do-Listen, die länger sind als Psalm 119. Die Dozierenden sollen einer Gesellschaft biblische Orientierung geben, die gerade gedankenlos ihre letzten theologischen und moralischen Leitplanken abschraubt. Und so stöhnen wir Glaubenshelden still vor uns hin:

Herr, wir können nicht!

Was wir jetzt bräuchten, wäre ein ordentliches Glaubenswunder. Am besten mit Garantieschein, dass alles gut kommt. Aber wir zweifeln munter weiter. Schon Jesus hat sich über den Klein-, pardon, Nullglauben seiner Jünger geärgert. Es ging ihm wie einem Lehrmeister, dessen Lehrling im dritten Lehrjahr den Hammer immer noch verkehrt herum hält: «Du ungläubiges Geschlecht! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen?», klagt er (Mk 9,19). Eigentlich müssten auch wir im Gottvertrauen längst die Meisterprüfung bestanden haben. Stattdessen fragen wir zweifelnd:

Herr, kannst du?

«Wenn du etwas vermagst, so hilf uns und hab Mitleid mit uns!» (Mk 9,22), ruft der Vater, dessen Sohn Jesus heilen soll. Am guten Willen von Jesus zweifelt er nicht. Dass dieser gute Mann helfen will, ist für ihn klar. Die Frage ist nur: Kann er das auch?

Und wir? Wie viel trauen wir Gott zu? Stell dir vor: Unsere Studierenden gehen zum Chefkoch und bestellen: «Morgen Abend bitte Chateaubriand mit Blumenkohlröschen an Sauce Hollandaise, Speckböhnchen, Butterchampignons und Kroketten. Wenn du etwas kannst, dann koch das für uns!» Kochen wird er es nicht. Das liegt bei unseren günstigen Studiengebühren schlicht nicht drin. Aber er hätte es drauf, und zwar locker!

Wie kompetent ist unser Gott? Jesus fragt zurück: «Wenn du kannst?» Echt jetzt?  Ausgerechnet daran zweifelst du? Die gute Nachricht: So sehr wir Gott auch strapazieren, er bricht die Lehre nicht ab und lässt uns nicht im Stich. Die Antwort des Zweifelnden:

Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!

Zu Beginn meines Dienstes am sbt fragte mich ein Kollege: «Was würdest du dir wünschen?» Meine Antwort kam ohne Zögern: «Dass jemand vorbeikommt und unsere kurzfristigen Schulden bezahlt!» Als ich später einem Ehepaar davon erzählte, sagten sie zuversichtlich: «Gott kann!» Und ich dachte mir: «Ja, schon. Aber habt ihr die Zahlen gesehen?» Mein stilles Gebet damals: «Ich glaube! Hilf meinem Unglauben!»

Logisch betrachtet ist das ein Oxymoron. Ein ungläubiger Gläubiger, das klingt wie ein schwarzer Schimmel. Glaube und Unglaube schliessen sich aus. Entweder du vertraust, oder du versinkst im Sumpf des Zweifels. Beides zugleich geht nicht. Oder doch? Der Hilferuf des Vaters und Jesu Aufforderung zu glauben, zeigen genau das Paradox, das wir selbst kennen. Manchmal schaffen wir es einfach nicht, Gott ganz zu vertrauen. Aber verzweifelt genug, um trotzdem um ein Wunder zu bitten, sind wir allemal. Und auch um einen Glauben, der das Unmögliche erwartet. Glaube ist nämlich auch ein Geschenk Gottes, und darum dürfen wir bitten. Dann erleben wir, was auch der Vater erlebt hat, dessen Kind die Jünger nicht heilen konnten:

Gott kann!

Kurz nach meinem ungläubigen Glaubensgebet wandelte jemand sein Darlehen über Fr. 400’000.– in eine Spende um. Einfach so. Gott kann! Das haben wir seither unzählige Male in den unterschiedlichsten Herausforderungen erlebt. Warum zweifeln wir dann trotzdem so oft? Warum fühlen sich Alltagssorgen manchmal grösser an als Gott? Jesus gibt seinen Jüngern eine klare Antwort: Es fehlt am Gebet (Mk 9,29). Es fehlt also an der Verbindung zum himmlischen Vater. Mit unserem Smartphone reden wir oft mehr als mit ihm. Dabei gilt: Je mehr ich mit Gott spreche und er mit mir, desto mehr vertraue ich ihm.

Beitrag teilen

Entdecke mehr von Felix E. Aeschlimann

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar