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Likes als neue Währung der Anerkennung

… und er ruft die eigenen Schafe mit Namen (Johannes 10,4)

Junge Menschen – und, seien wir ehrlich, längst nicht nur sie – hetzen in den sozialen Medien Likes hinterher, als gäbe es ein offizielles Punktekonto für Anerkennung und Wertschätzung. Die Rechnung ist einfach: mehr Likes = mehr Wert. 1’000 Follower? Süss. 10’000? Ah, jetzt wird’s ernst. Eine Million? Jetzt gehört man tatsächlich dazu. Alles darunter? Nur Aufwärmen für die Champions League der Selbstinszenierung.

Dieses Faible für grosse Zahlen hört nicht an der Kirchentür auf. Auch im kirchlichen Dienst wächst die Lust auf ein möglichst grosses, applaudierendes Publikum. Klein, lokal, überschaubar? Schön und nett, aber nicht gerade beeindruckend. Wer will schon Standing Ovations von fünf Leuten in der ersten Reihe?

Wenn Gottesdienst zum Event wird

Mega zieht mehr als klein und bescheiden. Und das ist keineswegs ein modernes Phänomen: Den ersten Superstar hat, laut vieler Historiker, nicht Hollywood hervorgebracht, sondern die Erweckungsbewegung mit George Whitefield. Whitefield, ein junger anglikanischer Priester, war gerade 25 Jahre alt, als er in den 1740er-Jahren vor Zehntausenden in Neuengland predigte. Ohne Notizen, dafür mit schauspielerischem Talent und einer Stimme, die Menschen zu Tränen rührte, wurde er zum Star. Mit ihm begann die Ära der christlichen Nomaden: Man ging nicht mehr einfach in die Ortskirche, sondern dorthin, wo der bekannteste Prediger wartete. Konkurrenzdenken war vorprogrammiert, denn Gottesdienstbesucher mussten angelockt werden – sie waren nicht mehr automatisch „da“. Und ja, Religion wurde plötzlich auch zum Geschäft. Eindrücklich zeigt dies Benjamin Franklin, Unternehmer, Erfinder und Universalgenie, pragmatischer Deist und Kritiker christlicher Dogmen. Ausgerechnet er wurde der wichtigste Verleger von Whitefield und anderen Erweckungspredigern. Franklin bewunderte Whitefields Redekunst und Berühmtheit – vom Inhalt war er allerdings kaum überzeugt. Heute gilt Ähnliches: Lokale Kirchen verlieren an Bedeutung, grosse Events ziehen an. Während sich 22 Fussballspieler die Aufmerksamkeit von 30’000 Fans teilen, geniesst ein Super-Pastor – zumindest im Internet – dieselbe Zahl allein. Und wo Grösse zählt, sind Starallüren und Machtmissbrauch selten weit (siehe Blogbeitrag «Wenn Kirchen zu lukrativen Unternehmen werden» – https://www.theologie.education/wenn-kirchen-zu-lukrativen-unternehmen-werden/).

Weniger Likes, mehr Nähe: Persönliche Begegnungen zählen

Jesus suchte die Einsamkeit, die Stille und die Gemeinschaft mit wenigen Menschen. Die persönliche Beziehung war ihm wichtiger als die Masse, die er eher mied. Er mag Tausende gehabt haben, die ihn „geliked“ hätten, aber echte Follower gab es nur wenige – und um diese kümmerte er sich intensiv, wurde ihr Lehrer und Mentor. Wir sollten daraus lernen: Es sind die persönlichen Begegnungen, die Menschen prägen. In meinem eigenen Leben erinnere ich mich kaum an Vorträge oder Impulse von Grossveranstaltungen, wohl aber an jede einzelne persönliche Begegnung und jedes Gespräch, das mich nachhaltig beeinflusst und oft in eine bestimmte Richtung gelenkt hat. Vermutlich werden sich die Studierenden am sbt später auch weniger an einzelne Unterrichtseinheiten erinnern, sondern eher an persönlich an sie gerichtete Ermutigungen oder Ermahnungen. So war es jedenfalls bei mir – auch wenn mich selbstverständlich das Studium als Ganzes geprägt hat. Ein Hirt, der seine „Schafe“ beim Namen kennt und über deren Sorgen und Freuden Bescheid weiss, ist mir allemal lieber als ein Star, der seine Follower nur für die eigene Selbstinszenierung braucht und sie im Grunde kaum wahrnimmt.

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